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... da berühren sich Himmel und Erde ...
Predigt zum 50-jährigen Jubiläum des Zweigvereins Wendlingen

Text: Joh 4, 5-30.39-42 Die Frau am Jakobsbrunnen

Liebe Bundesschwestern, liebe Gemeinde, ... da berühren sich Himmel und Erde ... – wann geschieht das schon in unserem Leben? Ganz gewiß nicht, wenn wir mitten in unserem Alltagstrott unterwegs sind, unseren täglichen Arbeiten und Ehrenämtern nachgehen, oft müde und in Zeitnot.
Oder doch?

Unterbrechung des Alltags

Da geht eine Frau einkaufen, ein, zwei oder drei mal die Woche, wie immer. Den gleichen Weg, der gleiche Laden und das, was sie so einkauft, ist auch immer wieder dasselbe – eben das, was man so zum Leben braucht, Brot, Butter, Milch, Käse, Wurst, etwas Obst und Gemüse. Man kennt einander, grüßt einander, wechselt mal ein paar Sätze – Alltag eben. Jahraus, jahrein, manchmal mit ein bisschen mehr Zeit, manchmal noch schnell. Auf einmal wird sie angesprochen: „ich brauche Sie, können Sie mir helfen?“ – „Wie denn, ich doch nicht. Das, was Sie brauchen habe ich nicht, weiß ich nicht.“
Oder doch?

Eine Frau ging zum Brunnen, wie jeden Tag, weil sie Wasser brauchte, um ihren Durst löschen zu können. Das Wasser, das ihren Alltagsdurst löscht, das sie jeden Tag neu holen muss, um zu überleben.
„Gib mir zu trinken!“ wird sie von Jesus angesprochen und es fasziniert mich immer aufs Neue, wie praktisch und lebensnah die Frau in diesem Evangelium reagiert. „Wieso redest du mit mir? Du überschreitest damit die geltenden Regeln!“
Mitten im Alltag wird der Alltag aufgebrochen, wird die Frau zu einer neuen Überlegung herausgefordert. Um welches Wasser geht es plötzlich? Wer gibt hier wem zu trinken? Und gar ohne Schöpfgefäß? Das geht nicht.
Oder doch?

Manchmal bricht etwas auf, wenn eine oder einer eine Grenze überschreitet, Fragen stellt, eine anspricht, die nicht im Geringsten damit rechnet. Auf einmal ist der Alltag nur noch eine Seite des Lebens. Welchen Durst möchte ich eigentlich stillen? Wonach dürstet mich wirklich? Wer kann mir das geben, was ich zum Leben brauche?

Erkenntnis durch den Alltag

Warum werde gerade ich gefragt? Warum grade jetzt, wo ich doch mitten beim Einkaufen bin und nach Hause müsste, um meine Arbeiten zu erledigen. Gibt es da wirklich einen anderen Durst, eine andere Sehnsucht in mir? Was suche ich wirklich zwischen den Regalen, auf den Wegen meines Lebens? Ich weiß doch, wie sich Durst, wie sich Sehnsucht anfühlt?
Oder doch nicht?

Eine Frau am Jakobsbrunnen ließ sich ein auf Worte, auf eine Frage nach ihrem Leben und gewann so Erkenntnis über ihr Leben und über den, der mit ihr spricht. Auf einmal galten neue Regeln, Wichtigeres war zu bereden: wie geht es mit meinem Leben weiter? So wie bisher, das blieb zu sehr an der Oberfläche, erfüllte mich nicht wirklich. Diese Worte hören sich anders an, erzählen eine andere Botschaft. Davon möchte sie reden können, daran wollte sie teilhaben.

Manchmal sind wir hin- und her gerissen zwischen Sehnsucht und Realität. Da klingt etwas in uns an, wir hätten Lust dazu – und dann verlässt uns der Mut. Woher kommt die Kraft, sich mit dem eigenen Leben, mit dem, was wichtig ist, auseinanderzusetzen, woher kommt die innere Stärke zu einer Veränderung?

Neue Wege im Alltag gehen

Eine Frau kommt zurück in ihr Zuhause, auf ihren Alltagswegen. Scheinbar hat sich nichts geändert. Aber sie kann und will nicht schweigen über das, was sie bewegt. Sie zieht andere mit mit ihrer Idee, mit ihrer Begeisterung. Sie weckt in ihnen denselben Durst und macht sie auf ihre Sehnsucht aufmerksam. Mitten im Alltag verändert sie ein Stück ihres Lebens.

Eine Frau kehrt vom Jakobsbrunnen in ihr Dorf zurück Und wieder wird eine Grenze überschritten: sie geht nicht einfach in ihr Haus zurück, sondern sie erzählt, verkündet das, was sie erfahren hat: wenn Sie so wollen, die Quelle in ihr sprudelt regelrecht. Das, was ihr verheißen wurde, wird Wirklichkeit.

Manchmal geschieht es, dass wir auf unseren Alltagswegen verändert werden, wir uns verändern und neue Wege gehen in der vertrauten Umgebung. Grenzen, die aufgebrochen wurden, eröffnen neue Wege, neue Horizonte. Worte, die uns zugesagt wurden, klingen nach.

da berühren sich Himmel und Erde ... wann geschieht das schon in unserem Leben – so lautete die Eingangsfrage.
Mitten im Alltag – das ist die Botschaft dieses Evangeliums:
dort, wo Frauen und Männer einander ansprechen,
wo sie einander um Unterstützung bitten,
wo wir spüren, jetzt bin ich gefragt, ich werde gebraucht,
wo wir uns ansprechen lassen
da berühren sich Himmel und Erde.

Dort, wo Grenzen aufgebrochen werden,
neue Gedanken Raum und Platz finden,
wo wir unserer Sehnsucht nachgehen
unser Leben in Blick nehmen und nehmen lassen
da berühren sich Himmel und Erde.

Dort, wo wir offene Ohren für die Botschaft der Nächsten haben und darin Gottes Botschaft erkennen können,
wo wir uns ergreifen lassen von der Kraft, die Gott uns schenkt und die in uns steckt,
wo wir bereit sind, uns zu verändern,
da berühren sich Himmel und Erde

Dort, wo wir miteinander reden und lachen, uns gegenseitig Gefälligkeiten erweisen, einander Achtung erweisen und mitunter auch streiten   ohne Hass, so wie man es wohl einmal mit sich selbst tut, wo wir manchmal auch in den Meinungen auseinandergehen und damit die Eintracht würzen, wo wir einander belehren und voneinander lernen, wo wir die Abwesenden schmerzlich vermissen und die Ankommenden freudig begrüssen, wo wir Zeichen der Liebe und Gegenliebe, die aus dem Herzen kommen, äußern in Miene, Wort und tausend freundlichen Gesten, wo wir wie Zündstoff den Geist in Gemeinsamkeit entflammen, so dass aus den Vielen eine Einheit wird, da berühren sich Himmel und Erde.

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Frauen im Frauenbund,
Sie haben es gemerkt – ich habe einen Teil aus Ihrem Einladungstext vorgelesen. Ich bin mir sicher, dass auch und gerade im Frauenbund Himmel und Erde sich immer wieder berühren. Vor 50 Jahren ließen sich hier in Wendlingen Frauen ansprechen, ganz sicher mitten in ihrem Alltag. Eine oder mehrere erzählten einander von ihrer Sehnsucht. Eine, Mehrere hörten die Bitte nach Gemeinschaft, erkannten, welchen Durst auch sie in sich trugen. Und so eröffneten sie den Blick auf Himmel und Erde, indem sie innere und äußere Grenzen aufbrachen und in Frage stellten mit ihren Themen, mit ihrem Handeln, mit ihren Worten. Sie entdeckten einander als Quelle, in der das Wasser des Lebens sprudelte. Und sie bildeten hier an diesem Ort, in dem ihr Alltag stattfand, eine Gemeinschaft, die bis heute einander trägt, begleitet und weiterführt.

Ich wünsche uns allen, ganz besonders aber den Frauen im Frauenbund, dass sie sich auch heute noch ansprechen lassen und andere ansprechen,
dass sie von ihrem Durst erzählen und ihre Sehnsucht teilen,
dass sie spüren, wie sie einander zur sprudelnden Quelle werden und in all dem Gott verkünden, weil ich mir sicher bin: da berühren sich Himmel und Erde.

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Letzte Änderung: 2010-10-09

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